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svemagie
2026-04-20 20:35:31 +02:00
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commit e85b29c4a3
@@ -4,50 +4,68 @@ title: Mediale Subjektivierungsordnung
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summary: Der Wal ist betrauerbar weil er keinen Pass hat und keine politischen Kosten erzeugt.
category:
- on/media
- sociology
mpSyndicateTo:
- https://bsky.app/profile/svemagie.bsky.social
- https://blog.giersig.eu/
updated: 2026-04-20T18:35:30.897Z
mpUrl: https://blog.giersig.eu/articles/mediale-subjektivierungsordnung/ mpUrl: https://blog.giersig.eu/articles/mediale-subjektivierungsordnung/
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> Der Wal ist betrauerbar weil er keinen Pass hat und keine politischen Kosten erzeugt. > Der Wal ist betrauerbar weil er keinen Pass hat und keine politischen Kosten erzeugt.
Ein Wal erzeugt wochenlangen Medienwirbel. Tausende Menschen ertrinken still im Mittelmeer. Diese Asymmetrie ist das Ergebnis einer gesellschaftlich codierten Hierarchie des Betrauerbaren. Ein Wal erzeugt wochenlangen Medienwirbel. Tausende Menschen ertrinken still im Mittelmeer. Diese Asymmetrie ist das Ergebnis einer gesellschaftlich codierten Hierarchie des Betrauerbaren.
Wale wurden noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts industriell gejagt und waren Rohstoff für Öl, Fischmehl, Kosmetika. Die Figur des schützenswerten Wals ist eine Konstruktion der 1970/80er, eng verknüpft mit Greenpeace und mit ihnen mit dem Aufstieg der Umweltbewegung als massenmediales Phänomen. Greenpeace hat die Wale als empfindungsfähige, soziale, singende Wesen im kollektiven Gedächtnis verankert. Die “Save the Whales”-Kampagne war die erste massenmedial inszenierte Tierschutzkampagne der Nachkriegszeit und hat den Wal *bedeutungsinvestiert*. Wale wurden noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts industriell gejagt und waren Rohstoff für Öl, Fischmehl, Kosmetika. Die Figur des schützenswerten Wals ist eine Konstruktion der 1970/80er, eng verknüpft mit Greenpeace und mit ihnen mit dem Aufstieg der Umweltbewegung als massenmediales Phänomen. Greenpeace hat die Wale als empfindungsfähige, soziale, singende Wesen im kollektiven Gedächtnis verankert. Die “Save the Whales”-Kampagne war die erste massenmedial inszenierte Tierschutzkampagne der Nachkriegszeit und hat den Wal *bedeutungsinvestiert*.
Diese Bewegung hat den Wal nicht nur gerettet, sie hat ihn zum Symbol für das gemacht, was die Industriegesellschaft vernichtet. Er ist das Gewissen des Fortschritts, anthropomorphisiert und dieses Reservoir ist seitdem kulturell verfügbar. Wer für den Wal mitfiebert, signalisiert: Ich bin auf der Seite des Lebens gegen die Maschine. Ein politisch kostenloses Identifikationsangebot. Diese Bewegung hat den Wal nicht nur gerettet, sie hat ihn zum Symbol für das gemacht, was die Industriegesellschaft vernichtet. Er ist das Gewissen des Fortschritts, anthropomorphisiert und dieses Reservoir ist seitdem kulturell verfügbar. Wer für den Wal mitfiebert, signalisiert: Ich bin auf der Seite des Lebens gegen die Maschine. Ein politisch kostenloses Identifikationsangebot.
* * * * * *
Der Wal funktioniert als ideales Subjektivierungsobjekt einer Aufmerksamkeitsökonomie, die einzelne, politisch unbelastete Schicksale braucht. Die gleiche gesellschaftliche Ordnung, die ihn zur Tragödie macht, erklärt Tausende ertrinkender Menschen systematisch zu Nicht-Subjekten. Nicht weil Medien ablenken wollen, sondern weil sie eine existierende Sichtbarkeitsordnung reproduzieren. Der Wal funktioniert als ideales Subjektivierungsobjekt einer Aufmerksamkeitsökonomie, die einzelne, politisch unbelastete Schicksale braucht. Die gleiche gesellschaftliche Ordnung, die ihn zur Tragödie macht, erklärt Tausende ertrinkender Menschen systematisch zu Nicht-Subjekten. Nicht weil Medien ablenken wollen, sondern weil sie eine existierende Sichtbarkeitsordnung reproduzieren.
Empathie und Hilfsbereitschaft steigen dramatisch bei *identifizierbaren* Einzelschicksalen und kollabieren bei Statistiken. Der Wal erfüllt alle Bedingungen: ein Tier, ein Ort, ein Drama, ein Zeitverlauf mit Serialität und Abschluss. Empathie und Hilfsbereitschaft steigen dramatisch bei *identifizierbaren* Einzelschicksalen und kollabieren bei Statistiken. Der Wal erfüllt alle Bedingungen: ein Tier, ein Ort, ein Drama, ein Zeitverlauf mit Serialität und Abschluss.
> „Ein Tod ist eine Tragödie; eine Million Tote sind eine Statistik." - Stalin (als analytische Formel, nicht als Zitat aus Sympathie) > „Ein Tod ist eine Tragödie; eine Million Tote sind eine Statistik." - Stalin (als analytische Formel, nicht als Zitat aus Sympathie)
Der Identified-victim-Effect setzt *Individualität* voraus. Geflüchteten wird diese diskursiv entzogen: *Flüchtlingsströme*, *Migrationsdruck*, *Boote*, *Illegale*, *Gefahr*. Der Identified-victim-Effect setzt *Individualität* voraus. Geflüchteten wird diese diskursiv entzogen: *Flüchtlingsströme*, *Migrationsdruck*, *Boote*, *Illegale*, *Gefahr*.
Es wäre analytisch ungenau, Medien *Ablenkung* zu unterstellen. Nach Luhmanns Theorie sozialer Systeme operieren Medien nach Codes: Information/Nicht-Information. Was zählt als Information? Die Theorie des Nachrichtenwertes[^1] beantwortet dies: Überraschung, Nähe und Personalisierung, sowie eine Portion Negativismus. Der Wal erfüllt sie alle. Ertrinkende Migranten im Mittelmeer erfüllen zwar den Faktor Negativismus, sorgen aber kaum mehr für Überraschung (es passiert täglich), und Personalisierung oder gar Nähe wird diskursiv verneint. Es wäre analytisch ungenau, Medien *Ablenkung* zu unterstellen. Nach Luhmanns Theorie sozialer Systeme operieren Medien nach Codes: Information/Nicht-Information. Was zählt als Information? Die Theorie des Nachrichtenwertes[^1] beantwortet dies: Überraschung, Nähe und Personalisierung, sowie eine Portion Negativismus. Der Wal erfüllt sie alle. Ertrinkende Migranten im Mittelmeer erfüllen zwar den Faktor Negativismus, sorgen aber kaum mehr für Überraschung (es passiert täglich), und Personalisierung oder gar Nähe wird diskursiv verneint.
Das Mediensystem selektiert nicht bösartig. Seine Selektionskriterien wurden unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen entwickelt und reproduzieren so die Sichtbarkeitsordnung dieser Gesellschaft. Das Mediensystem selektiert nicht bösartig. Seine Selektionskriterien wurden unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen entwickelt und reproduzieren so die Sichtbarkeitsordnung dieser Gesellschaft.
Aufmerksamkeit ist im digitalen Kapitalismus[^3] zur primären Ressource geworden. Wal-Content erzeugt *positive* Empathie, man sorgt sich und hat Hoffnung. Mittelmeer-Content erzeugt bedrückende, politisch kontroverse Empathie, die Schuldgefühle weckt und Engagement senkt. Aufmerksamkeit ist im digitalen Kapitalismus[^3] zur primären Ressource geworden. Wal-Content erzeugt *positive* Empathie, man sorgt sich und hat Hoffnung. Mittelmeer-Content erzeugt bedrückende, politisch kontroverse Empathie, die Schuldgefühle weckt und Engagement senkt.
Wal-Content hat *narrative closure*: er lebt oder stirbt. Das Migrationsgeschehen hat kein Ende. Serialität ohne Auflösung ist schlecht fürs Algorithmus-Geschäft. Wal-Content hat *narrative closure*: er lebt oder stirbt. Das Migrationsgeschehen hat kein Ende. Serialität ohne Auflösung ist schlecht fürs Algorithmus-Geschäft.
Es gibt Leben, die betrauert werden können und solche, deren Verlust eben keine öffentliche Trauer auslöst[^2] . Diese Unterscheidung ist nicht zufällig, sondern strukturell produziert durch Medien, die *rahmen*, was betrauerbar ist. Es gibt Leben, die betrauert werden können und solche, deren Verlust eben keine öffentliche Trauer auslöst[^2] . Diese Unterscheidung ist nicht zufällig, sondern strukturell produziert durch Medien, die *rahmen*, was betrauerbar ist.
Der Wal ist ein perfektes *grievable life*: keine politische Position, keine Fluchtursache, keine Nationalität, keine Religion. Er stellt keine Forderungen. Er repräsentiert keine als bedrohlich codierte Gruppe. Er löst keine Kontroverse über Pushbacks oder Aufnahmequoten aus. Der Wal ist ein perfektes *grievable life*: keine politische Position, keine Fluchtursache, keine Nationalität, keine Religion. Er stellt keine Forderungen. Er repräsentiert keine als bedrohlich codierte Gruppe. Er löst keine Kontroverse über Pushbacks oder Aufnahmequoten aus.
Der ertrinkende Migrant kommt mit einem zugewiesenen Diskurspfad: Ist er legitim? Hat er es gewählt? Ist Europa verantwortlich? Hier sehen wir **Othering**, die diskursive Konstruktion des Anderen als kategoriell verschieden, als Masse, als Zahl. Der ertrinkende Migrant kommt mit einem zugewiesenen Diskurspfad: Ist er legitim? Hat er es gewählt? Ist Europa verantwortlich? Hier sehen wir **Othering**, die diskursive Konstruktion des Anderen als kategoriell verschieden, als Masse, als Zahl.
## Die eigentliche Frage ## Die eigentliche Frage
Unter welchen Bedingungen werden ertrinkende Menschen zu *identifizierbaren Subjekten*, deren Sterben Trauer auslöst und nicht zu einer Zahl im [IOM-Bericht](https://germany.iom.int/de/news/einer-von-drei-todesfaellen-unter-migrantinnen-auf-der-flucht-vor-konflikten-iom-bericht)? Unter welchen Bedingungen werden ertrinkende Menschen zu *identifizierbaren Subjekten*, deren Sterben Trauer auslöst und nicht zu einer Zahl im [IOM-Bericht](https://germany.iom.int/de/news/einer-von-drei-todesfaellen-unter-migrantinnen-auf-der-flucht-vor-konflikten-iom-bericht)?
Die nüchterne Antwort: Wenn die gesellschaftliche Ordnung, die ihre Unsichtbarkeit produziert, verändert wird. Kein besseres Framing, kein mitfühlenderer Journalismus löst das. Es ist eine politische Frage, verkleidet als Medienfrage, die sich im Wal wiederum verkleidet als Naturschutz. Die nüchterne Antwort: Wenn die gesellschaftliche Ordnung, die ihre Unsichtbarkeit produziert, verändert wird. Kein besseres Framing, kein mitfühlenderer Journalismus löst das. Es ist eine politische Frage, verkleidet als Medienfrage, die sich im Wal wiederum verkleidet als Naturschutz.
[^1]: Galtung & Ruge (1965): The Structure of Foreign News [^1]: Galtung & Ruge (1965): The Structure of Foreign News
[^2]: Judith Butler *Precarious Life* & *Frames of War* [^2]: Judith Butler *Precarious Life* & *Frames of War*
[^3]: Zuboff und andere [^3]: Zuboff und andere