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2026-04-27 14:33:26 +02:00
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- anarchy
- on/politics
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updated: 2026-04-27T12:33:26.686Z
mpUrl: https://blog.giersig.eu/articles/wir-haben-den-feudalismus-nicht/
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**Wie vergeben wir Macht? Die ehrliche Antwort lautet: Wir vererben sie. Und zwar schon immer.**
Andreas Kemper macht einen [Podcast](https://andreaskemper.org/tagebuch/), in dem er u.a. die Verflechtungen zwischen Adel und Macht in Deutschland nachzeichnet. Er zeichnet das nicht als historische Kuriosität, sondern als funktionierendes Netzwerk: Adel in Aufsichtsräten, in Medienhäusern, in der Politik, in zivilgesellschaftichen Organisationen. Beim Zuhören wurde mir etwas klar, das über die Adelsfrage hinausgeht: Wir haben den Feudalismus nicht überwunden. Wir haben ihn skaliert.
## Von Blut zu Geld sonst nichts weiter
Im Feudalismus war die Sache einfach: Der Sohn vom Sohn vom Sohn regiert. Legitimation durch Abstammung. Das war, so fanden wir irgendwann, keine gute Idee mehr. Also ersetzten wir sie durch eine bessere: Wer mehr kann und mehr leistet, soll das Sagen haben. **Meritokratie.** Das klingt vernünftig. Das Problem ist nur: Es ist dasselbe Prinzip in neuem Gewand.
Denn die Bedingung der Möglichkeit von „Leistung" ist selbst vererbt. Wer ein Gymnasium besucht, hängt in Deutschland weniger von Begabung ab als vom Bücherregal der Eltern. Kinder aus Akademikerfamilien haben eine Gymnasialquote von 61 Prozent, Kinder aus Nichtakademikerfamilien 14 Prozent - bei vergleichbarer kognitiver Fähigkeit. Das Spiel ist entschieden, bevor es beginnt.
Michael Young, der den Begriff _Meritokratie_ 1958 prägte, meinte ihn als Warnung. Wir haben ihn als Programm übernommen.
## Das Messbarkeits-Problem
Aber warum fällt uns keine Alternative ein? Warum pendeln wir seit Jahrhunderten zwischen Varianten desselben Prinzips?
Ich glaube, der Grund liegt tiefer als im Feudalismus: Wir haben **Messbarkeit mit Legitimität verwechselt**. Blut ist messbar - du bist adelig oder nicht. Geld ist messbar - du hast es oder nicht. Kompetenz ist angeblich messbar - du bestehst die Prüfung oder nicht. Jedes Kriterium, das wir für Machtverteilung akzeptieren, muss quantifizierbar sein. Und alles Quantifizierbare lässt sich akkumulieren. Und alles Akkumulierbare lässt sich vererben.
„Die Sympathischen sollten regieren" klingt absurd, und genau darin liegt das Problem. Es klingt absurd, weil Sympathie nicht messbar ist und nicht etwa, weil es eine schlechte Idee wäre.
## Der Akkumulations-Attraktor
Wenn man genau hinsieht, zeigt sich dasselbe Muster überall. In der **Wissenschaft**: Wahrheit wird nicht vererbt, Peer Review prüft jede Generation neu, aber Zugang zu Journals und Forschungsgeldern läuft über Netzwerke und Institutionen, die Bourdieu als kulturelles Kapital beschrieben hat. In **Open Source**: Wer den besten Code schreibt, bekommt Commit-Rechte - aber wer hat die Zeit, den Laptop, die Ausbildung, um überhaupt Code zu schreiben? In **DAOs und Blockchain**: „Code is Law" - aber wer schreibt den Code? Wer hat die Tokens? Plutokratie mit Extra-Schritten.
Jedes System, das eine Form der Vererbung abschafft, installiert durch die Hintertür eine andere. Vererbung ist kein Bug bestimmter Ordnungen, sie ist ein **Attraktor**: jedes System mit akkumulierbaren Ressourcen driftet dorthin.
## Die vergessene Alternative
Dabei gab es eine Idee, die dieses Problem tatsächlich umging: das **Los**. In Athen wurden öffentliche Ämter per Zufall vergeben: "Sortition". Kein Verdienst, kein Blut, sondern Zufall. Das Prinzip funktionierte ungefähr 200 Jahre. Dann wurde es vergessen.
Heute kehrt die Sortition zurück: Bürgerräte in Irland entschieden über die Ehe für alle, in Frankreich über Klimapolitik. Zufällig ausgewählte Bürger:innen, die sich in ein Thema einarbeiten und Empfehlungen abgeben. Keine Karrierepolitiker:innen, keine Lobbystrukturen, keine Vererbung. Es funktioniert und irritiert, weil es dem Messbarkeitsreflex widerspricht.
## Die falsche Frage
Vielleicht ist „Wer soll Macht haben?" ohnehin die falsche Frage. Sie setzt voraus, dass Macht vergeben wird, als Zuteilung, von oben. Die bessere Frage wäre: **Wie bauen wir Systeme, in denen Macht nicht akkumuliert werden kann?**
Das ist ein fundamentaler Perspektivwechsel. Statt das richtige Auswahlkriterium zu suchen - Blut? Geld? Kompetenz? Los? - wird Konzentration selbst als Problem erkannt. Wir brauchen keine Auswahlmechanismen, wir brauchen **Zerfallsmechanismen**: Machtpositionen mit eingebautem Verfall. Vermögen, das nicht unbegrenzt wachsen kann. Erbschaft als öffentliches Gut. Thomas Paine hat das 1797 in "Agrarian Justice" vorgeschlagen, und wir tun so, als wäre es eine neue Idee.
## Im Körper eines Steinzeitmenschen
Es gibt diesen Satz, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht: **Wir leben im Körper eines Steinzeitmenschen, mit dem Geist im Mittelalter und Werkzeugen aus der Zukunft.** Der Geist im Mittelalter ist nicht die Religion, nicht der Aberglaube sondern die Unfähigkeit, Macht ohne persönliche Akkumulation zu denken.
Dabei wissen wir aus der Anthropologie, dass Akkumulation eine kulturelle Entscheidung ist, und nicht etwa eine Naturkonstante, als die wir sie gerne verklären. Gesellschaften haben aktiv gegen Akkumulation gearbeitet, durch Potlatch, durch das Jubeljahr, durch Umverteilungs- und Geschenkerituale. Graeber und Wengrow zeigen in _Anfänge_, dass es Gesellschaften gab, die ganz bewusst Strukturen gegen Machtkonzentration gebaut haben. Sie haben sich nicht gefragt, wer regieren soll, se haben sich ganz einfach gefragt, wie man verhindert, dass jemand zu lange regiert.
Wir stellen uns diese Frage nicht mehr.
## Warum sich nichts ändert
Und dann ist da noch die unbequemste Erkenntnis: Das System hält nicht, weil die Reichen es verteidigen. Es hält, weil die **fast Reichen** es verteidigen. Die Mittelschicht - wer ein Haus zu vererben hat, wer seinen Kindern das Studium finanziert, wer von Elternzuschüssen lebt - profitiert gerade genug von der Vererbungslogik, um sie nicht infrage zu stellen. Auch wenn man rational weiß, dass das Spiel unfair ist.
Das ist die wirkliche Stabilität des Systems: nicht Unwissenheit, sondern **Mittäterschaft**.
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